Botswana
Die Nacht mit dem Büffel
(c) DIE ZEIT 05.02.2004 Nr.7 http://www.zeit.de/2004/07/Okavango
Im Okavangodelta kommt man den
Tieren manchmal näher, als einem lieb ist: Drei Tage zu Fuß durch den Norden
Botswanas
Teller und Gläser splittern. Ein Tisch zerbricht. Funken stieben aus der Glut des Lagerfeuers. Die Erde bebt und lässt die Plattformen vibrieren, auf denen wir gerade einschlafen wollten – drei Meter über der Erde, umgeben nur von unseren Moskitonetzen und der afrikanischen Nacht. Etwas sehr Großes wütet in unserem Camp. Wir – fünf Wanderer aus Deutschland und Südafrika, unser Guide Newman und sein Gehilfe Sam – liegen still. Wir trauen uns nicht, die Taschenlampen anzuknipsen. Es riecht nach Stall. »Büffel!«, flüstert Newman, »Einzelgänger. Schlecht gelaunt.«
18 Stunden zuvor: ein duftender Morgen im
Okavangodelta im Norden Botswanas. Zu Fuß verlassen wir das Chitabe Camp, die
acht komfortablen Zelte unter uralten Leadwood- und Leberwurstbäumen, die
strohgedeckte Speiseterrasse mit Bar und Bibliothek, den kleinen Pool – alles
auf Pfähle gebaut und durch Hochwege miteinander verbunden. Die nächsten drei
Tage folgen wir dem Chitabe Walking Trail durch die Wildnis. Schon bald hören
wir fernes Löwengebrüll. Newman kniet sich hin und streckt die Hand aus, als
wolle er den Horizont abtasten und so herauszufinden, ob die Löwen uns gefährlich
werden können. Er predigt uns das erste Gebot im Umgang mit Löwen: »Egal, was
passiert: niemals weglaufen! Wer wegläuft, ist Beute, Fleisch.«
Seit 30 Jahren führt der stämmige kleine Mann vom
Volk der Buschleute Weiße durch die Wildnis – zuerst Großwildjäger, später
Touristen. Newmans Eltern starben früh; er wuchs bei seinem Großvater auf, den
er auf monatelangen Streifzügen durch die Kalahari begleitete. Newman kennt das
Okavangodelta wie die verschlungenen Ornamente am Lauf seines Gewehrs, das er in
all den Jahren noch nie benutzen musste.
Er lehrt uns auch das erste Gebot im Umgang mit Büffeln.
»Wenn der Büffel kommt, macht er keinen Spaß«, mahnt Newman. Dann sollen wir
rennen, am besten mit dem Wind im Rücken und zickzack, einen hohen Baum suchen
und hinaufklettern, selbst wenn es eine Dornenakazie ist. »Und jetzt vergessen
Sie alles wieder«, sagt Newman und schultert sein Gewehr. »Sonst können Sie
die Wanderung nicht genießen.«
Wir gehen in einer Reihe, Newman vorn, sein Gehilfe
Sam hinten, durch weite, sanft gewellte Ebenen, eine lichte Welt in Gelb und Grün.
Wilder Jasmin wächst zwischen abgeweideten Grashalmen. Auf den trockenen
Borsten klingen unsere Schritte harsch, wie auf überfrorenem Schnee. Hier und
da liegen Tierschädel und -gerippe. Newman lässt seine ausgestreckte Hand über
die Savanne gleiten und folgt Spuren, die nur er sehen kann. Dazu spricht er
leise mit sich selbst in der Sprache der Buschleute mit ihren Kehllauten und
hohen Klicks. Ihr Klang passt in diese seltsame Landschaft.
Wir zerpflücken lauwarmen
Elefantendung mit den Händen
Der 1430 Kilometer lange Okavango entspringt im
Hochland Angolas und trennt in seinem Verlauf Angola von Namibia; im Februar
erreichen seine jährlichen Fluten den Norden Botswanas und verwandeln ein
Gebiet von der Größe Schleswig-Holsteins in ein einzigartiges Naturparadies,
ein Labyrinth aus Sümpfen, Seen und Lagunen. Tropische Vegetation trifft oft
unmittelbar auf wüstenartige Dürre. Hier versammeln sich fast alle Tiere des
Kontinents, darunter riesige Zebra-, Antilopen- und Elefantenherden, seltene
afrikanische Wildhunde und das Sitatunga, eine sehr scheue Sumpfantilope.
Es scheint, als hätten wir dieses Tierreich ganz für
uns allein. Keine Besuchermassen. Tagelang ist überhaupt kein Mensch zu sehen.
Anders als im benachbarten Südafrika oder in Kenia zielt der Fremdenverkehr auf
kleine Gruppen mit großer Kaufkraft, damit Geld ins Land kommt, ohne dass die
Landschaft darunter leidet. Über die Hälfte aller Jobs im Delta hängen vom
Tourismus ab. Nach dem Diamantenabbau ist er der zweitgrößte Wirtschaftszweig
Botswanas, das trotz Arbeitslosigkeit, Landflucht und der Krise im benachbarten
Simbabwe zu den sichersten und wohlhabendsten Ländern Afrikas zählt.
Wir wandern durch eine gewaltige Oase mitten in der
Kalahariwüste. Jetzt, kurz vor der Regenzeit, hat sich das Wasser schon wieder
aus den äußeren Verästelungen des Binnendeltas zurückgezogen; die
Flussbetten sind ausgetrocknet. Um uns herum erheben sich die einstigen Inseln
als bewaldete Hügel aus der Savanne. Newman hält die Nase in den Wind. Kurz
darauf riechen wir es alle. Stallgeruch, das heißt: Büffel. »Viele Büffel«,
sagt Newman, die Hand wieder tastend ausgestreckt. »Sie sind weit weg.
Unwahrscheinlich, dass wir sie sehen.« Wir wissen nicht, ob wir enttäuscht
oder erleichtert sein sollen. Der Kaffernbüffel ist das mächtigste Wildrind
Afrikas – bis zu 700 Kilo schwer, schwarz, mit massiven Hörnern. In die Enge
getrieben, greift er ohne zu zögern an. Büffel töten mehr Menschen, als Löwen
es tun, und gelten darum als die gefährlichsten Tiere der Savanne.
Gemessene Schritte. Pausen. Stille. Newman geht
voran. Dann und wann hält er ein und liest in der Landschaft. Impalas und
Streifengnus trotten durch saftig grünes Pampagras. Giraffen strecken ihre Hälse
aus einem Akaziendickicht. Papageien schwirren vorbei, zitronengelb, mit roten
Schnäbeln, laut krächzend. Und wieder brüllen Löwen, ein wenig näher
diesmal, wie es uns scheint.
Newman genügt es nicht, dass wir all das sehen und
hören. Wir sollen den Busch mit allen Sinnen erleben. Wir zerreiben wilde Kräuter
und inhalieren ihren frischen Duft; wir legen uns auf die warme Erde und »spüren
ihren Puls«; wir zerpflücken lauwarmen Elefantendung mit unseren Händen und
erfahren, dass die Pflanzensamen, die wir darin aufstöbern, die Verdauung der
Tiere durchlaufen müssen, um dann keimfähig über halb Afrika verstreut zu
werden. Und bald wissen wir auch, dass wir den Elefantendung bei Kopfschmerzen
rauchen und ihn bei Verdauungsproblemen, zu einer Brühe verkocht, schlürfen müssen.
Als es gegen Mittag heißer wird, schneidet Newman
einen Grashalm ab, taucht ihn tief in eine Astgabel und trinkt das Wasser, das
sich dort gesammelt hat. Der »Champagner der Götter«, wie Newman sagt, ist
das kostbarste Gut des Deltas und in diesem ariden Teil Afrikas hart umkämpft.
Die südlich gelegenen Diamantminen von Orapa sind besonders durstig. Ihr täglicher
Wasserbedarf wird auf zehn Millionen Kubikmeter geschätzt. Beträchtliche
Mengen werden über eine Fernleitung zu den Minen geleitet. Am Oberlauf des
Okavango erwägt Angola den Bau von Dämmen, um Energie für seine wachsende
Industrie zu gewinnen. Und Namibia spielt seit der Dürre von 1997 mit dem
Gedanken, eine 1250 Kilometer lange Pipeline vom Okavango in die Hauptstadt
Windhuk zu legen. Naturschutzorganisationen warnen, dass solche Eingriffe die
Hydrografie des Deltas schädigen und es letztlich zerstören würden. Sie
fordern, das Delta zum Weltkulturerbe zu erklären, damit es dauerhaft geschützt
ist.
Die Büffel kommen näher. Wir hören sie schon
grunzen. Newman wirkt nervös. Er hält den Tieren die ausgestreckte Hand
entgegen, als könnte er sie damit aufhalten oder in eine andere Richtung
lenken. Der Wind steht schlecht; die Büffel können uns riechen. Niemand
spricht. Unsere Schritte werden schneller. Wir gehen geduckt und vorsichtig wie
kleine Beutetiere, immer einen Baum im Auge, auf den wir notfalls im Zickzack
zulaufen könnten.
Wir überqueren eine Salzpfanne. Niedriges
Buschwerk, ausgetrocknete Tümpel. Die Vegetation weicht zurück. Wir fühlen
uns schutzlos, aber wach. Im bernsteinfarbenen Licht des Nachmittags taucht ein
Wald auf. Mehrere Plattformen erheben sich, auf Bäume gestützt, über der
Erde: das hide – unser »Versteck«. Hier werden wir die Nacht
verbringen. Sam holt Tische und Stühle aus einem Verschlag. Er bereitet für
uns Steaks, Curryhuhn und Gemüse zu. Newman macht seine geheimnisvollen
Handbewegungen und nickt zufrieden. Die Büffel scheinen weitergezogen zu sein.
Dafür klingt das dumpfe Gebrüll der Löwen jetzt sehr nahe. Wir sitzen am
Feuer und erahnen die tödliche Bedrohung im Dunkel der afrikanischen Nacht.
Nach dem Essen klettern wir auf die Plattformen und rollen uns in die Decken
ein. Dann splittern die Teller und Gläser, der Tisch zerbricht, Funken stieben,
und Newman flüstert: »Büffel! Einzelgänger. Schlecht gelaunt.«
»Sie fressen ihn lebendig«, flüstert
Newman
Der Büffel muss hinter der Herde zurückgeblieben
sein. Er ist wütend. Eben noch war die Nacht voller Geräusche: Insekten
zirpten, Frösche klimperten wie auf leeren Flaschen, überlagert vom alles
durchdringenden Wupp-wupp! der Hyänen. Plötzlich ist es still – still wie
sonst nur in der Wüste. Dann bersten Äste, ein Fauchen ist zu hören, lautes
Gebrüll. Mehrere Löwen schnellen aus dem Unterholz und gehen auf den Büffel
los. Etwas schlägt gegen den Baum, der die Plattform trägt. Kein Geräusch
jetzt! Nicht rühren! Der Kampf dauert die ganze Nacht.
Bei Tagesanbruch steht der Büffel noch immer im
Unterholz. Wir können die Haarfransen an seinen Ohren sehen. Sie zittern. Zwei
Löwinnen zerren an seiner Flanke. »Sie fressen ihn lebendig«, flüstert
Newman. Seine Hand beschreibt Bahnen: vorsichtig, aber unermüdlich aus dem
Dickicht in die offene Savanne weisend, bis der Büffel hinausrennt und
verschwindet – die Löwinnen noch immer in sein Fleisch verkrallt. Wir
entfachen das Lagerfeuer und kochen Kaffee. Nach dem Frühstück brechen wir
auf.
Information
Anreise:
Mit South African Airways von Frankfurt am Main nach Johannesburg für derzeit
735 Euro (»Safari-Tarif«, gültig bis Ende März). Mit British Airways ü ber
London, Preis ab 516 Euro, jeweils plus Steuern. Anschluss nach Maun mit Air
Botswana, Rückflugticket ab circa 250 Euro
Veranstalter:
E/T/C Edutainment Travel Company bietet in Zusammenarbeit mit dem
Safari-Spezialisten Wilderness Safaris unter anderem eine fünftägige
Flugsafari ins Okavangodelta an. Privater Charterflug ab/bis Maun ins Delta,
vier Übernachtungen mit Vollpension in zwei Camps im ostafrikanischen Stil mit
komfortablen Zelten. Aktivitäten: Pirschfahrten im offenen Landrover bei Tag
sowie nachts, geführte Buschwanderungen, Vogelbeobachtungen, Bootsfahrten im
Mokoro (Einbaum) mit erfahrenen Guides. Preis ab 1565 Euro pro Person.
Arrangements auch ab Deutschland möglich
Auskunft und Buchung:
E/T/C Edutainment Travel Company GmbH, Neureutherstraße 27, 80799 München,
Tel. 089/2730680, www.etc-reisen.de