BOLLYWOOD
Kino in Indien ist etwas ganz anderes als in Europa oder Nordamerika. Es ist DAS Freizeiterlebnis für den ganzen Familienclan und bietet eine willkommene Abwechslung zum oft tristen Alltag der meisten Inder. Die drei- bis vierstündigen Epen variieren immer wieder zwischen nur drei bis vier verschiedenen Handlungen und sind mit Tanzeinlagen vermischt, die nur selten etwas mit der Handlung des Filmes zu tun haben und meist an - für Inder - exotischen Ort wie der Schweiz oder Neuseeland spielen. immer wieder geht es um Liebende, die aus unterschiedlichen Kasten- und Gesellschaftsklassen stammen und deswegen nicht zueinander finden dürfen. Nach vielen Schwierigkeiten und Missverständnissen finden die Liebenden zum Schluss dann doch zusammen und gaukeln den Indern eine heile Welt vor, die es so nie geben kann.

Zusammen mit unserem Fahrer haben wir uns in Jaipur in ein echtes Hindu-Kino gewagt. Als einzige Touris waren wir eine kleine Sensation. Das Raj Mandir ist sehr populär und am Wochenende kommen die Zuschauer auch aus dem Umland um die neuesten Bollywood-Streifen zu sehen und die Kühle der Klimaanlage zu geniessen. Die sehr pompöse Innenausstattung mit Kristall-Lüstern, roten Teppichen und bespannten, rosafarbenen Wänden erinnerte an die grell-bunten Siebziger Jahre. Nur wenige Ausländer kommen auf die Idee, sich trotz fehlender Sprachkenntnisse ein Stück neu-indischer Kultur zu gönnen!!! Es war ein tolles Erlebnis. Bei den Tanz-Einlagen wird mitgetanzt, bei guten Action-Szenen oder flotten, witzigen Sprüchen gibt es Szenenapplaus.
In "Die Zeit" stand in Ausgabe 3/2002 der unten stehende Artikel, der das Genre Bollywood sehr gut beschreibt.
Kino
auf Leben und Tod
![]()
Ein Premierenabend im indischen
"Bollywood", zwischen zitternden Stars und singendem Publikum
http://www.zeit.de/2002/03/Kultur/200203_bollywood.html
Von
Dorothee Wenner
![]()

|
©
Sanjay Leela Bhansali Film |
Das
Handy von Viveck Vaswani klingelt ununterbrochen. Am anderen Ende der Leitung
sind ausnahmslos Menschen, die eigentlich Götter sind und deswegen nie selbst
ans Telefon gehen, wenn sie angerufen werden. Aber sie drücken wie
Gemeinsterbliche an diesem Abend geduldig die Wiederwahltaste, bis sie endlich
zu Viveck Vaswani durchgedrungen sind, denn nur er weiß, wer weiterhin
Wohnrecht im Pantheon haben wird. "Es geht um Leben und Tod, wie jeden
Freitag", sagt der 37-jährige Filmprofi aus Bombay lakonisch, aber
durchaus ernst. "Bei euch im Westen ist eine Filmpremiere natürlich auch
aufregend, aber was passiert schon groß, wenn man einen Flop ins Kino gebracht
hat? Der Produzent verliert vielleicht ein bisschen Geld, na und? In Bombay ist
das anders." Tatsächlich: Die indische Filmmetropole ist ein heißes
Pflaster, in der es äußerst abenteuerlich zugeht. Vor allem an einem
Premierenabend.
Schon
Wochen vor dem Kinostart konnte man überall in Bombay die fünf getüpfelten
Buchstaben RHTDM finden, auf
Leitplanken, Rikschas, Bussen. Üblicherweise werden die Filmtitel, wie in
diesem Fall Rehnaa hai terre dil mein
(Herz zu Herz), auf die Anfangsbuchstaben reduziert, das gilt als Kult. Sogar
auf den riesigen handgemalten Billboards verzichtet man auf den ausgeschriebenen
Titel, dafür lächeln dort die Stars auf die künftigen Kinogänger herab, natürlich
ohne Namensnennung. Wer die nötig hat, ist nach landläufigen Maßstäben
einfach kein Star. In RHTDM ist
es tatsächlich überflüssig, obwohl Hauptdarstellerin Diya Mirza in diesem
Film debütiert. Aber sie hat vor kurzem den Miss-Asia-Pacific-Schönheitswettbewerb
gewonnen - und dieser Titel bedeutet in Indien fast automatisch den Beginn einer
Kinolaufbahn.
Für
indische Frauen mit Schauspielambitionen sind Schönheitswettbewerbe fast die
einzige Möglichkeit, eine Filmkarriere zu beginnen, außer man stammt - wie
etwa die Kapoors - aus einer Kinodynastie, in der das Recht auf Leinwandpräsenz
von Generation zu Generation weitervererbt wird. An Mirzas Seite spielt
Madhavan, eigentlich ein TV-Talkstar, den Viveck Vaswani mit diesem
High-Budget-Film zum ersten Mal ganz groß im Kino herausbringen will. Für
solche Coups ist Vaswani in der Filmszene bekannt, schließlich hat er auf genau
diese Weise auch den Topstar Shah Rukh Khan ("SRK") entdeckt - ein
Schauspieler, den rein statistisch heute weltweit mehr Menschen kennen dürften
als beispielsweise Leonardo DiCaprio. Aber noch ist nicht sicher, ob Madhavan
eine ähnliche Karriere wie "SRK" machen wird - und deswegen ruft er
zum wiederholten Male an diesem Tag bei Viveck Vaswani an, um sich nach den
Zuschauerzahlen zu erkundigen. Wie ein Damoklesschwert hängen die Ergebnisse über
ihm, aber Vaswani beruhigt: "In Madras melden haben alle Kinos full
house, Bandra hat 75 Prozent im Vorverkauf bei der 18-Uhr-Show, das
ist sehr gut, den Rest erledigt die Abendkasse, Dadar ähnlich. Imperial fahre
ich gerade hin ... du musst unbedingt vor der Pause kommen, Fototermin mit dem
Vorführer. - Nein, du musst. Und sei bitte pünktlich, ich will keinen
Mob." Viveck Vaswani ist einer der ganz wenigen Personen in Bollywood, der
Stars solche Anweisungen geben kann. Er ist Produzent und PR-Berater und sagt
von sich selbst, er sei einer von zehn Leuten, die bestimmen würden, was in
Bollywood passiert. Aber er weiß genau, wie weit seine Macht reicht. Nämlich
bis an die Kinokasse, wo sich alles entscheidet. Und zwar mit Zahlen, von denen
westliche Filmschaffende nur träumen können: Circa 3 Millionen Zuschauer sehen
pro Tag in Indien einen Film, in Kinos mit durchschnittlich 500 Sitzplätzen.
Das Imperial in Bombay gilt als das Kino, wo die Trends gemacht werden. Es hat
1500 Plätze - das ist, gemessen an unseren Schuhkarton-Multiplex-Kinosälen,
eine ganze Menge.
Als
wir im Imperial ankommen, dürfen wir direkt vor dem Eingang parken. Wie alle
wichtigen Männer in Bollywood hat Viveck Vaswani einen jungen Assistenten an
seiner Seite, der nach der langen Fahrt bei circa 30 Grad schnell noch ein
bisschen Deodorant unter das Hemd sprüht, bevor wir uns ins Gewühl stürzen -
und mir bei dieser Gelegenheit rät, ich solle lieber keine Fotos vom
eindrucksvoll geschmückten Portal machen, weil die Schwarzhändler das nicht
gern hätten. Prächtige Blumengirlanden hängen über dem Eingangsbereich,
Taxis hupen hysterisch, und als Westler blickt man wie üblich nicht durch. Wenn
an der Kasse das full house-Schild
aufgestellt ist, heißt das nämlich noch lange nicht, dass man keine Karte mehr
bekommt. In einem schwer durchschaubaren Spiel zwischen Kinokasse und Verleihern
übernehmen zumindest am Premierenabend Schwarzmarkthändler komplett den
Billettverkauf - und diese geheimnisvoll aussehenden Männer sind die Schlüsselfiguren,
ihre Berichte an die Filmverleiher sind ausschlaggebend.
Nur
der Vortester geht allein
Vaswanis
Handy klingelt mal wieder, diesmal ist es der Regisseur Gautham Menon, der die
aktuellen Zuschauerzahlen zwar schon weiß, aber noch nicht, was morgen in den
Zeitungen steht. Die Times of India,
weiß Vaswani natürlich bereits, würde morgen etwas sehr Wohlwollendes
bringen, aber bemängeln, dass der Hauptdarsteller zu dick sei und dringend auf
Diät gehen müsste. Leider hätte Starkritiker XY von Z den Film von Anfang an
gehasst. Da könne man nichts machen, tröstet Vaswani den Regisseur und gibt
neuerlich eine indische Kinoweisheit von sich: "Entscheidend sind die
Zahlen von der Freitagnachmittagsvorstellung im Vergleich zur
Montagsnachmittagsvorstellung: Wenn es da einen Zuwachs gibt, ist alles im grünen
Bereich!" Montag erst würde man wissen wissen, ob es sich um einen
Superhit, Semihit oder um einen two-weeker
handeln würde. "Ich habe ein gutes Gefühl, besser hätte man diesen
Kinostart nicht vorbereiten können. Falsch war nur der Titel - viel zu lang,
das kann sich kein Mensch merken, und die Idee, die Buchstaben zu tüpfeln,
hatte wohl ein Designer aus der Hölle?!" "Personal Crisis
Management" nennt Vaswani diese Art der persönlichen Beschwichtigungen,
die sich für Kinobesitzer, Schauspieler und Produzenten an so einem
Premierenabend doch recht unterschiedlich anhören.
Zusammen
mit einer riesigen Menschentraube schieben wir uns durchs Foyer in den Kinosaal.
RHTDM ist ein family
film, der vorzugsweise im Kreise der nächsten Angehörigen angesehen
wird. Allein ins Kino zu gehen gilt in Indien als Unsitte, es sei denn, man wird
von der Familie als Vortester geschickt und soll entscheiden, ob der Film der
restlichen Mischpoke gefallen wird. Große Hits und Lieblingsfilme werden im
positiven Fall dann auch nicht nur einmal, sondern vier-, fünf-, sechsmal
angesehen, schließlich geht es im indischen Kino ja nicht darum, mit Spannung
die Handlung zu verfolgen. Die kennt man zumeist schon vorab, aber nicht etwa
aus Filmkritiken, sondern weil das indische Kommerzkino eigentlich immer nur
neue Varianten von drei, vier Geschichten erzählt. In RHTDM
handelt es sich um die beliebte Story vom armen, jungen Mann, der sich in eine
reiche, schöne Frau verliebt, die jedoch in einer von den Eltern arrangierten
Hochzeit einen standesgemäßen Ehemann heiraten soll. Erst nach drei Stunden
Missverständnissen und Zufällen wendet sich das Schicksal, und die beiden
Liebenden finden in letzter Sekunde zueinander.
Das
Happy End gehört so obligatorisch zum Bollywood-Kino wie mindestens fünf Song
& Dance-Einlagen. Wenn die wirklich gut sind - und zwar sowohl
die bereits Wochen vor Kinostart vermarktete Musik wie auch die Songtexte und
die Inszenierung - dann hat der Film Aussicht auf Erfolg. Immerhin, schon beim
ersten Song in der RHTDM-Vorstellung
hält es Viele nicht mehr auf den Kinosesseln, sie stehen auf, tanzen und singen
so laut mit, dass der nicht eben leise abgespielte Original-Soundtrack kaum mehr
zu hören ist. Und genau dieser Effekt ist Musik in Vaswanis Ohren, der sich
jetzt zum ersten Mal seit Stunden entspannt zurücklehnt und ein wenig lächelt.
Vor uns, auf der Leinwand, tanzen Diya Mirza und Madhavan frisch verliebt über
blühende neuseeländische Wiesen. So will es seit den neunziger Jahren das
indische Publikum: Da die Song & Dance-Szenen
im indischen Kino auf einer romantisch-erotischen Metaebene spielen, die nicht
notwendigerweise logisch mit der restlichen Filmhandlung verbunden sein muss,
sind die Tanzeinlagen ganz wichtige Intermezzi, in denen mit möglichst
exotischen Bildern Auge, Ohr und Fantasie betört werden sollen. Die Drehorte
spielen dabei eine herausragende Rolle. Für den Preis einer Kinokarte möchte
man heutzutage nebenbei auch noch auf eine filmische Reise zu den fernen Orten
dieser Welt geschickt werden, die sich normale Inder im wirklichen Leben niemals
werden ansehen können. Die Schweiz war und ist als Kulisse seit über einem
Jahrzehnt bei indischen Filmschaffenden und Zuschauern mit Abstand der
beliebteste Drehort: exotisch, farbenprächtig, sauber, menschenleer ... und dem
verlorenen Paradies Kaschmir nicht unähnlich! Inzwischen aber ist beinahe jeder
Alpengipfel und jede Schweizer Einkaufsstraße von Bollywoodstars betanzt
worden, weswegen Neuseeland derzeit als neue geografische Attraktion gehandelt
wird. Die neuseeländische Regierung hat bei diesem Trend durchaus etwas
nachgeholfen, als sie das Land vor einigen Monaten zusammen mit dem benachbarten
Australien indischen Filmproduzenten und Regisseuren auf einer
Location-Werbeveranstaltung in Bombay schmackhaft machte. RHTDM
ist ein sichtbarer Erfolg dieser Mission.
Wie
alle Filmprofis in Indien testet Viveck Vaswani Publikumsreaktionen ausschließlich
im Parkett. Der Preisunterschied zu den Balkonplätzen ist zwar nicht besonders
groß, dennoch trennen Welten das Publikum "oben" und
"unten". Wer in Indien zur aufstrebenden Mittelklasse gehört und es
sich irgendwie leisten kann, würde sich niemals im Parkett einen Film ansehen.
Dort, wo die Taxifahrer, Kulis und die Armen sitzen, geht es laut und für
westliche Kinoverhältnisse ungewöhnlich temperamentvoll zu. Hier kann man
erleben, was für westliche Cineasten nur mehr ein Szenario aus längst
vergangener Zeit ist - eine mitreißende Begeisterung für ein wirklich
opulentes Kino, das es schafft, täglich einem Millionenpublikum die Flucht aus
einem sehr harten, oft extrem arbeitsamen und abwechslungsarmen Alltag zu ermöglichen.
Vor allem der Traum von romantischer Liebe, für die es in der vom Kastenwesen
geprägten Gesellschaft kaum Platz gibt, kann für die allermeisten Menschen
tatsächlich nur im Kino geträumt werden. Möglicherweise ist es genau dieser
Mangel, der die indischen Menschen so kinosüchtig macht und sie dazu bringt,
unverhältnismäßig viel Geld für Kinobesuche zu zahlen. Vaswani redet sich
bei diesem Thema in Rage, denn die Eintrittspreise werden vom Staat diktiert,
der 50 Prozent der Kinoeinnahmen als Vergnügungssteuer kassiert. "Die
Filmindustrie ist mutmaßlich die größte Steuereinnahmequelle Indiens. Der
Staat weiß genau, dass unser Publikum sogar noch höhere Eintrittspreise zahlen
würde, um Filme zu sehen. Dabei sind Kinokarten für hiesige Verhältnisse
schon extrem teuer, der Staat nutzt die Liebe der Menschen zum Kino schamlos
aus."
Ein
richtiger Star trägt Triple A
Es
ist tatsächlich verblüffend, wie sehr sich die indische Kinoindustrie bis
heute unabhängig von den Entwicklungen im TV- und Videosektor als ein
prosperierender Wirtschaftszweig halten konnte. Wer es schafft, einen Kinohit zu
produzieren, hat Aussichten auf dermaßen hohe Gewinne, dass die Branche nach
wie vor auch für Leute mit nichts als Profitinteresse attraktiv ist. Das sind
aber nicht nur hehre Geschäftsleute - seit dem Zweiten Weltkrieg gilt die
indische Filmindustrie auch als eine gigantische Geldwaschanlage, die vielerorts
von der Mafia dominiert wird. Entsprechend häufig passiert es in Bombay, dass
nach erfolgreichen Filmstarts Produzenten erpresst oder gar ermordet werden,
wenn sie ihre Einnahmen nicht umgehend an die dunklen Hintermänner und
Finanziers zurückzahlen. Doch nicht nur diese mafiosen Strukturen machen die
Filmproduktion so abenteuerlich. Die Kinokasse funktioniert wie ein
empfindlicher Seismograf, der von der Branche tagtäglich wie ein
unbestechliches Börsenbarometer interpretiert wird. Wenn zum Beispiel RHTDM
floppt, würde sich das nicht nur verheerend auf die persönliche Karriere von
Held und Heldin auswirken. Diya Mirza und Madhavan sind längst für zahlreiche
weitere Filme unter Vertrag, und die Zukunft dieser Produktionen steht und fällt
mit dem Marktwert der Protagonisten, der durch RHTDM
neu bestimmt wird. In Bollywood herrscht ein äußerst rigides Starsystem, das
nach eindeutigen Umsatzzahlen die einzelnen Schauspieler und Schauspielerinnen
kategorisiert. Die höchste Stufe ist das begehrte Triple
A-Prädikat, mit dem sich gerade mal eine Hand voll Stars schmücken
können. Diese wenigen Auserwählten sind es, die in bis zu 20 Filmen
gleichzeitig spielen, über mindestens zwei Jahre ausgebucht sind und deren
Terminkalender sämtliche Drehpläne und Studiobuchungen in Bollywood
dominieren.
Wenn
einer dieser Damen oder Herren dann mal indisposed
ist, also Kopfschmerzen, Wutanfälle oder sonstige Probleme hat, verzögert sich
alles andere. Das passiert quasi täglich, und deswegen dauert die Produktion
eines Bollywood-Films durchschnittlich ein ganzes Jahr. In dieser Zeit aber
kommen unzählige andere Filme ins Kino, die immer wieder neu den aktuellen
Marktwert der noch nicht abgedrehten Produktionen taxieren. Mit der Konsequenz,
dass schlussendlich nur ein Drittel aller produzierten Filme tatsächlich auch
in die Kinos kommt. Alles andere sind "Regalfilme", also unfertige
Spekulationsobjekte, deren Produzenten auf die "falschen"
Hauptdarsteller gesetzt haben oder deren Etat durch zu lange Wartezeiten
verbraucht wurde. Manche dieser "Regalfilme" finden später als
obskure Rahmenhandlungen von Sexfilmen eine Wiederverwertung, auf wahrlich
anarchistische Weise kompiliert mit raubkopierten Szenen aus skandinavischen
Pornos.
Kurz
vor der Pause drängt Viveck Vaswani zum Verlassen des Kinosaals. Madhavan, der
gerade noch auf der Leinwand mit einem Rosenstrauß bei Diya Mirza angeklopft
hat, steht nun in Begleitung seiner echten Ehefrau im Foyer des Imperial. Die
Anspannung steht beiden ins Gesicht geschrieben, der Händedruck ist ein
bisschen feucht, und wie so oft wirken die Leinwandgötter bei der persönlichen
Begegnung dann doch sehr menschlich. Vaswani dirigiert uns in den heißen,
muffigen Vorführraum. Während ein Fotograf die beiden glücklich strahlenden
Filmvorführer mit dem Hauptdarsteller ablichten, erklärt Vaswani dieses
sonderbare Premierenritual. RHTDM
ist ein solider Dreistünder, wie es das Publikum von einem ordentlichen
Bollywood-Film erwartet. Diese Länge ist aber keineswegs nur für den
westlichen Filmmarkt ein Problem, sondern auch für die Kinoangestellten. Weil
in Bombay der letzte Zug in die Vororte, wo Leute wie Platzanweiser und Vorführer
normalerweise wohnen, nach Filmende kaum zu schaffen ist, hat es sich in der
Vergangenheit als schlimme Gewohnheit etabliert, die vorletzte Rolle einfach zu
überspringen. Diese Vorführpraxis aber tut dem Film und seiner Rezeption verständlicherweise
überhaupt nicht gut - als alter Kinofuchs kennt Vaswani dieses Problem. Und
genau deswegen hat er Madhavan zum Fototermin in die Vorführkabine bestellt.
"So ein Foto mit dem Hauptdarsteller verpflichtet! Mit etwas Glück
wechseln die Vorführer dann sogar die Kohlen im Projektor rechtzeitig aus,
solange der Film im Programm ist." Ein Blick auf die Leinwand, und Vaswani
weiß, dass nur noch drei Minuten bis zur Pause bleiben. Höchste Zeit für
Madhavan zu verschwinden, wenn er nicht von seinen Fans gemobbt werden will.
Eiligen Schritts rast er mit Ehefrau und Bodyguards die Treppen hinab, wir sehen
ihn gerade noch in seinem weißen, klimatisierten Pseudo-BMW mit getönten
Scheiben davonfahren. Und schon kommt das Publikum zur Pause ins Foyer, die
Tee-und Somosaverkäufer stehen bereit.
Viveck
Vaswani belauscht noch die Gespräche, die über RHTDM
offenbar ein gnädiges Urteil fällen. "Ich glaube, wir werden die nächste
Woche überleben", sagt er todmüde, aber zufrieden. Das Handy klingelt,
die Heldin will wissen, was man im Imperial über sie sagt.
"Don't
worry, darling! They love you."